Kunstvermittlung - Eine Frage der Distanz?
Wozu braucht man Kunstvermittlung?
Es gibt Fragen, die stellt man sich nicht gerne. Warum rauchen viele Ärzte? Wie kommt es, dass viele Lehrer keine Bücher lesen? Wozu braucht man Kunstvermittlung?
Als wir den ersten Mitmenschen von unserem Unterfangen erzählten, erlebten wir häufig die gleiche Reaktion. Ein schüchternes Lächeln, ein verlegenes Räuspern und dann die zögerliche Frage: Braucht man denn wirklich Kunstvermittlung? Und mal ehrlich, auch wir haben uns diese Frage oft gestellt.
Kunstvermittlung ja oder nein? Eine Frage der Distanz.
Der Diskurs über die Notwendigkeit der Kunstvermittlung ist relativ neu. Da in der jüngsten Vergangenheit jede Art von Bildung nur wenigen Auserwählten vorbehalten blieb, entfiel auch die Frage: „Wie wird Kunst für alle verständlich?“
Heute wird die Frage nach der Notwendigkeit der Kunstvermittlung in der Fachwelt hitzig diskutiert.
Wir persönlich kommen aus der Praxis und können am besten aus eigener Erfahrung sprechen. Für uns ist die Art der Vermittlung eine Frage der Distanz. Wird die Distanz zwischen dem Werk und dem Besucher durch die Vermittlung größer, oder fällt sie womöglich weg?
Wenn man von Vermittlung spricht, haben die meisten ein bestimmtes Bild vor Augen. Eine Gruppe von Menschen in einer Ausstellung, eine Person mit strengem Blick und Klemmbrett ausgestattet, die sich zwischen dem Objekt und der Gruppe positioniert. Daraufhin folgt ein unendlicher Monolog mit unzähligen Daten, eine ausführliche Werkbeschreibung mit Fachbegriffen und Namen garniert, die anscheinend niemand, außer der Person selbst, versteht. Ein Teil der Gruppe strengt sich an und versucht dem zu folgen, was sich vor ihm abspielt. Oder zumindest den Schein zu wahren. Der Rest gibt nach einer kurzen Zeit auf, schaut auf das Smartphone, gähnt oder unterhält sich. Je später die Stunde, umso größer wird die Distanz zwischen dem, was gerade vermittelt wird und dem Besucher. Das Gefühl „diese moderne Kunst ist nichts für mich“, „ich bin dafür zu dumm, zu alt, zu jung etc. und es ist sowieso langweilig“ stellt sich ein und man ist froh das Museumsgebäude verlassen zu können.
Kommt es Ihnen bekannt vor?
Es ist ein durchaus „klassisches“, zugegeben ziemlich eingestaubtes, und wenig funktionales Model. Dennoch hat auch diese Art der Zwischenkommunikation seine Berechtigung und wird nach wie vor von bestimmten Besuchergruppen (besonders pensionierten Akademikern) favorisiert.
“Die Kunst erklärt sich von alleine.” Wahrheit oder Trugschluss?
Sucht man nach zeitgemäßen Vermittlungsangeboten, stößt man auf eine überraschende Vielfalt von Vermittlungsmodellen. Das Gegenteil von „klassisch“ sind all die performativen, unkonventionellen und assoziativen Modelle, die alles anderes machen wollen. Deren Ansatz lautet „Der Besucher soll selbst aktiv werden!“ Ob durch Bewegung, Atmung, Sprache oder Gesang soll jeder seinen Teil zum Werk des Künstlers beitragen. Und auch an dieser Art der Vermittlung ist nichts verkehrt, außer der Tatsache, dass sich nicht jeder dabei wohlfühlt vor einer Gruppe zu performen. Die angestrebte „Annäherung“ bleibt aus und die Distanz zwischen der Kunst und seinem Gegenüber wird größer.
Aber was nun?
In einer Gesellschaft wie der unseren wird die Freiheit des Individuums immer wichtiger. Es gibt scheinbar für jeden die Möglichkeit seinen eigenen Lebensstil zu zelebrieren, sich für oder gegen bestimmte Ernährung, Kleidungsstil und Fernsehprogramme zu entscheiden.
Es wäre also die Zeit eine Kunstvermittlung ins Leben zu rufen, die flexibel genug ist sich an Wünsche und Bedürfnisse ALLER Zielgruppen anzupassen. Jede:r Museumsbesucher:in ist wertvoll, jede:r ist willkommen. Unabhängig von Bildungsgrad, Herkunft, Alter oder Geschlecht. Eine gute, zeitgemäße Kunstvermittlung baut Brücken, die uns allen helfen die scheinbar unüberwindbare Distanzen zu überwinden, oder nicht?
(AS/ KC)